«Diese Frauen sind mehr als die Gewalt, die sie erlebt haben»
Interview mit Sara Lehner, Hebamme, über ihren Einsatz in Tschad

«Diese Frauen sind mehr als die Gewalt, die sie erlebt haben»

Arbeitsalltag
Ausgabe
2024/05
DOI:
https://doi.org/10.4414/phc-d.2024.1433816024
Prim Hosp Care Allg Inn Med. 2024;24:1433816024

Affiliations
Medienverantwortliche, Ärzte ohne Grenzen

Publiziert am 13.05.2024

Serie Ärzte ohne Grenzen

Die Serie von Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) soll einen Einblick in den Arbeitsalltag von unterschiedlichen medizinischen Fachpersonen geben. Die Beiträge thematisieren auch verschiedene Länder und Kulturen.
Sara, wie kam es zu diesem Einsatz für Ärzte ohne Grenzen?
Der Wunsch, einen Einsatz mit Ärzte ohne Grenzen/Médecins Sans Frontières (MSF) zu leisten, besteht schon seit Langem. Auch meine Bachelor-Arbeit habe ich zum Thema «Hebammen auf humanitären Auslandseinsätzen» verfasst. Nachdem ich sechs Jahre lang an verschiedenen Orten als Hebamme tätig gewesen war, fühlte ich mich erfahren genug, um mich bei der Hilfsorganisation zu melden.
Im Herbst 2022 habe ich mich beworben, im vergangenen Sommer teilte man mir mit, dass ich im Pool aufgenommen sei. Zuerst sollte ich nach Madagaskar gehen, das Projekt musste jedoch kurzfristig geschlossen werden, daher landete ich im Tschad.
Bei Ärzte ohne Grenzen absolvierte ich einen dreitägigen Vorbereitungskurs. Zudem habe ich privat mein Französisch etwas aufgebessert und einen Kurs zum Nähen von Geburtsverletzungen belegt. Am Hauptsitz in Genf wurde mir das Projekt vorgestellt, für das ich im Einsatz sein würde. Nach den Beschreibungen des Projektleiters hätte ich da noch die Möglichkeit gehabt zu sagen, dass es doch nicht passt. Dann ging alles sehr schnell. Nachdem Madagaskar abgesagt worden war, hatte ich zwei Wochen, um mich auf Tschad vorzubereiten.
Klinik von Ärzte ohne Grenzen im Camp Ecole in Adré.
© MSF
Hattest du im Vorfeld Bedenken?
Ich hatte ganz viele Bedenken, denn von dieser Region hört man häufig im Zusammenhang mit Konflikten. Zudem realisierte ich, wie nahe das umkämpfte Gebiet ist – von Adré nach El Geneina im Sudan braucht man mit dem Auto nur eine knappe Stunde. Auch meine Jobbeschreibung löste Bedenken aus. Ich musste zu Beginn vor allem Frauen betreuen, die Opfer von sexualisierter Gewalt wurden.
Wie war die Reise nach Adré?
Ich war ziemlich nervös, auch wegen der schwierigen Sicherheitslage – dies ist für einen Ersteinsatz eher untypisch. In Addis Abeba habe ich Ricky, der für die Finanzen zuständig ist, getroffen. Ich kannte ihn von meinen Einführungstagen in Genf, er hatte schon ein paar Einsätze für Ärzte ohne Grenzen gemacht. Gemeinsam sind wir weitergereist. Zuerst mit einem kleineren Flugzeug in die tschadische Hauptstadt N’Djamena, dann nach Abeché. Von dort aus ging es mit einem Fahrzeug nach Adré. Die ganze Reise dauerte rund drei Tage.
Wie war dein erster Eindruck, als du in Adré angekommen bist?
Ich dachte mir: «So eine andere Welt.» Das Büro und die Unterkunft für die Mitarbeitenden von Ärzte ohne Grenzen waren am selben Ort. Es hatte so viele Menschen, alle haben Französisch gesprochen, ich fühlte mich etwas überfordert. Abends haben wir zusammen gegessen und etwas über das Projekt gesprochen. Das Zimmer habe ich mit jemandem geteilt, das wusste ich bereits im Vorfeld. Privatsphäre hatte ich in diesem Projekt nicht wirklich. Bereits am Tag meiner Ankunft bekam ich eine kurze Einführung. Die Hebamme vor mir war drei Wochen zuvor abgereist. Die ersten paar Tage war eine Hebamme da, die mir alles zeigte. Zu Beginn war es recht chaotisch, es war damals ja noch ein Notfallprojekt.
Was waren deine Aufgaben?
Ärzte ohne Grenzen betreibt in Adré zwei Spitäler, das Projekt, für das ich im Einsatz war, befindet sich im Geflüchtetencamp selbst. Die grossen Zelte haben Plastikabtrennungen, der Erdboden ist mit Matten ausgelegt; Medikamente werden in Schränken aufbewahrt. Medikamente, die gekühlt gelagert werden müssen, befinden sich in der gemauerten Apotheke. Meine Vorgängerin hatte eine Klinik für Frauen aufgebaut, die vergewaltigt worden waren. Dort arbeiteten eine Pflegefachfrau und eine Hebamme aus dem Tschad. Die Zuständigen für Gesundheitsförderung von Ärzte ohne Grenzen haben im Camp auf die Klinik aufmerksam gemacht. Die Frauen, die zu uns kamen, testeten wir auf alle sexuell übertragbaren Krankheiten und gaben ihnen prophylaktisch Antibiotika ab. Zudem haben wir sie gegen Tetanus geimpft; bei den Vergewaltigungen wurden teilweise auch Objekte verwendet, welche die Frauen verletzt hatten. Die Patientinnen bleiben anonym. Wir haben sie medizinisch behandelt und ihre Geschichte protokolliert. Dabei arbeiteten wir immer mit Psychologinnen und Psychologen zusammen.

«Vergewaltigung ist in dieser Region ein Stigma; wenn irgendjemand herausfindet, dass eine Frau vergewaltigt worden ist, wird sie oft verstossen.»

Vergewaltigung ist in dieser Region ein Stigma; wenn irgendjemand herausfindet, dass eine Frau vergewaltigt worden ist, wird sie oft verstossen. Die Frauen haben uns erzählt, dass Soldaten in ihre Häuser gekommen sind. Diese hätten die Männer getötet oder mit dem Tod bedroht und die Frauen vergewaltigt, teilweise vor ihrer Familie. Viele Frauen wurden von zwei, drei Männern vergewaltigt. Oftmals wurden sie auch entführt, mussten diese Männern über einen längeren Zeitraum begleiten. Wer Glück hatte, wurde befreit oder konnte fliehen.
Das Geflüchtetencamp (Foto von Ende September).
© MSF/Nisma Leboul
Eine andere Aufgabe war der Aufbau einer Klinik für sexuelle und reproduktive Gesundheit. Ich habe an zwei Standorten sieben Hebammen eingestellt. Dort haben wir täglich Konsultationen durchgeführt. Pro Tag kamen ca. 30 Frauen: gynäkologische Fälle, Schwangerschaftsvorsorge usw. Am Anfang habe ich mir einen Überblick darüber verschafft, wer was macht, was noch fehlt, welche Bedürfnisse es gibt. Dann habe ich zusammen mit dem medizinischen Projektreferenten entschieden, keine Geburten im Camp zu begleiten, da Ärzte ohne Grenzen zwei Spitäler in rund zwei Kilometer Entfernung betreibt. Wenn die Geburt bevorstand, liessen wir die Frauen mit einem Tuktuk dorthin bringen.
Mein dritter Einsatzbereich war die Zusammenarbeit mit den Hebammen, die inoffiziell im Camp arbeiten. Sie waren bereits im Sudan als Hebammen tätig gewesen, mussten dann aber wegen des Krieges fliehen. Die Geflüchteten leben in kleinen Strohhütten und die Frauen gebären dort, auf dem Sandboden. Es gibt kein Leitungswasser, die Hygiene ist mangelhaft. Wir haben ein paar Trainings für die rund 60 sudanesischen Hebammen durchgeführt, die ich angetroffen habe. Sie sind gut ausgebildet, hatten im Camp aber oft keine Handschuhe und keine sauberen Scheren. Sie konnten die schwangeren Frauen nur mit ihrem Wissen und ihren Skills betreuen.
Karte des Gebiets.
© MSF
Wie bist du mit all diesem Leid umgegangen?
Ich hatte schon Bilder im Kopf, aber man kann sich nicht vorstellen, was diese Frauen erlebt haben. Mir hilft es, die Frauen als Menschen zu sehen, die in ihrem Leben auch schöne Erlebnisse und Wünsche hatten. Ich versuche, dabei zu helfen, dass die Frauen wieder an solche Erlebnisse anknüpfen können. Zudem dachte ich immer: Wenn ich es nicht aushalte, die ich so etwas nicht erlebt habe, wie soll das dann diese Frau ertragen? Diese Frauen sind mehr als die Gewalt, die sie erlebt haben. Das hilft auch mir, damit ich nicht daran verzweifle. Ich will für diese Frauen stark sein. Ich kenne das etwas von meiner Arbeit im Spital her, wenn ein Kind tot geboren wird.
Was waren die grössten Herausforderungen bei diesem Einsatz?
Es war sehr heiss, 40 Grad im Schatten. Ich hatte überall Sand: in der Nase, in den Augen und Ohren. Zu Beginn gab es nur eine Latrine mit Blick in die Sterne und eine Eimer-Dusche. Auch wir vom Personal kämpften gegen Parasiten und Magen-Darm-Erkrankungen. Ich konnte nie raus, bewegte mich entweder in der Unterkunft oder in der Klinik. Die ganze Basis, wo etwa 30 Menschen arbeiten und leben, ist nicht grösser als das Büro von Ärzte ohne Grenzen in der Schweiz in Zürich. Teilweise hat man nachts Schüsse gehört, aus der Richtung von El Geneina. Herausfordernd war für mich auch, dass ich zum ersten Mal in einer leitenden Funktion war und viele Entscheidungen treffen musste.
Wie hast du das Geflüchtetencamp wahrgenommen?
Vor dem Einsatz habe ich mir alles sehr schlimm vorgestellt – kein Wasser, kaum etwas zu essen. Dann ist man dort und kann sich immer noch nicht vorstellen, wie man so leben kann. Es gab kaum sanitäre Einrichtungen und es mangelte an sauberem Wasser, ausserdem wurde es nachts sehr kalt, irgendwann im Dezember/Januar um die fünf Grad – und die Menschen leben in einfachen Strohhütten. Ich habe auch von vielen gehört, dass sie nur einmal am Tag essen. Es sind wirklich sehr schlimme Zustände, trotzdem gibt es eine Art Alltag: Die Kinder spielen, es gibt Lädeli, viele Leute verkaufen selbst gekochtes Essen.
Was waren die grössten Unterschiede zu deiner Arbeit in der Schweiz?
In der Schweiz arbeite ich als Hebamme mit den Frauen. In Adré war ich eher mit Organisieren beschäftigt, das war ungewohnt. Ganz vieles kann man nicht vergleichen. In Adré hat man alles Notwendige, um eine gute Betreuung zu gewährleisten, aber man hat nicht so viele Instrumente, muss vieles mit den Händen machen. Wir hatten keinen Ultraschall, aber wenn eine solche Untersuchung nötig war, haben wir die Patientin ins Spital von Ärzte ohne Grenzen überwiesen. Wir haben die Frauen immer gefragt: Wie viele Kinder haben Sie, wie viele sind gestorben? Im Normalfall haben sie zwei, drei Kinder verloren, im ersten Jahr nach der Geburt, an Infektionen oder an Malaria. Wenn ein Kind stirbt, ist das sehr schlimm. Vielleicht haben wir in der Schweiz manchmal die seltsame Vorstellung, dass man besser mit Leid umgehen kann, wenn man so viel Schlimmes erlebt hat. Doch es tut einfach immer unglaublich weh, wenn man ein Kind verliert, daran kann man sich nicht gewöhnen. Und in Adré habe ich gehört, wie oft es passiert und wie viele Mütter diesen Schmerz in sich tragen.
Was würdest du anderen raten, die auch einen Einsatz für Ärzte ohne Grenzen machen möchten?
Man muss sich bewusst sein, dass man an seine Grenzen kommt und vielleicht als anderer Mensch zurückkehrt. Es ist schwierig, sich mental auf so eine Situation vorzubereiten, es ist schon ein Sprung ins kalte Wasser. Sicher hilft es, wenn man sich über seinen Einsatzort informiert. Man sollte sich sicher fühlen in seinem Beruf und flexibel sein, das hilft. Vieles ist neu, man muss eine gewisse Offenheit haben.

«Man muss sich bewusst sein, dass man an seine Grenzen kommt und vielleicht als anderer Mensch zurückkehrt.»

Wie wird sich dieser humanitäre Einsatz auf deinen Alltag hier in der Schweiz auswirken?
So ein Einsatz gibt einem wahnsinnig viel Berufserfahrung. In diesen drei Monaten lernte ich jeden Tag dazu, hatte spezielle Fälle, die man hier nicht hat. Ich habe Führungserfahrung gesammelt, Einsatzpläne geschrieben. Es klingt zwar etwas klischeehaft, aber ich bin nach diesem Einsatz viel dankbarer für das, was ich hier habe. Ich sehe es auch ein wenig als meine Verantwortung, von dem zu erzählen, was ich in Adré gesehen habe, wie die Frauen dort leiden.

Film «Mother-to-be: an immersive experience»

Der Westschweizer Künstler Cee-Roo hat für Ärzte ohne Grenzen einen Film produziert. «Mother-to-be» widmet sich den Müttern weltweit und wird bis zum 23. Juli 2024 dienstags, mittwochs und donnerstags von 15.30 - 20 Uhr im Syllepse im Jardin des Nations in Genf gezeigt (wahlweise Französisch oder Englisch). Die 360-Grad-Projektion, die rund 15 Minuten dauert, steht sowohl der breiten Öffentlichkeit als auch Schulen offen: www.msf.ch

Zur Person

Die Hebamme Sara Lehner lebt in Zürich, aufgewachsen ist sie in Ftan. Vom November 2023 bis Ende Januar war sie im Einsatz für Ärzte ohne Grenzen in Adré (Tschad), an der Grenze zum Sudan. Im Geflüchtetencamp, wo zur Zeit ihres Einsatzes etwa 150 000 Menschen lebten, betreute sie Frauen, die Opfer von sexualisierter Gewalt geworden waren, baute eine kleine Klinik für Schwangerschaftskontrollen auf und organisierte die Zusammenarbeit mit sudanesischen Hebammen im Geflüchtetencamp.
Yvonne Eckert
Medienverantwortliche
Médecins Sans Frontières
Operational Center of Geneva (OCG)
Kanzleistrasse 126
CH-8004 Zürich
yvonne.eckert[at]geneva.msf.org
Nisma Leboul