3. März 2024: Tag der Kranken

3. März 2024: Tag der Kranken

Leitartikel
Ausgabe
2024/09
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1358589735
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(09):24-25

Publiziert am 28.02.2024

Zuversicht stärken
Kranke und beeinträchtigte Menschen kämpfen tagtäglich für Dinge, die für die meisten anderen selbstverständlich sind. Bei kranken, beeinträchtigten Menschen kann die ständige Thematisierung der Probleme im Gesundheitswesen Sorgen und Ängste hervorrufen. Das Motto des «Tag der Kranken» lautet daher dieses Jahr «Zuversicht stärken».
Den Elan des Jahresbeginns habe ich dieses Jahr zum Anlass genommen, sogenannt «Auszumisten» wie wir Schweizer umgangssprachlich gerne sagen. Unter anderem fiel der Medikamentenschrank meinem Ordnungseifer zum Opfer. Ich gestehe, ich habe diesen schon länger nicht mehr aufgeräumt und es sah genauso aus, wie es nicht aussehen sollte mit zahlreichen Tabletten und Salben, bei denen das Haltbarkeitsdatum seit einigen Jahren abgelaufen war. Ich musste schmunzeln, ist es doch auch hier so, wie wir es oft feststellen bei Personen, die im Gesundheitswesen arbeiten. Wenn es um um unsere eigene Gesundheit geht, verhalten wir uns oft nicht so vorbildlich, wie wir es anderen nahe legen. Daher ist auch die Ärztegesundheit ein wichtiges Thema, für das sich die FMH seit Jahren engagiert.

Verständnis schaffen

Ich ging also die verschiedenen Packungen und Tuben durch, um auszumustern und zu entsorgen. Dabei kamen die Erinnerungen von Jahren der Krankengeschichte der ganzen Familie hoch. Von kleinen harmlosen Wehwehchen wie Gel für zahnende Kinder über einen ärgerlichen Ausschlag bis zu schwereren gesundheitlichen Beeinträchtigungen, die grosse Sorgen bereiten, liess ich alles Revue passieren. Dieser Prozess des öden Aufräumens bescherte mir unerwartete Momente intensiver Dankbarkeit, über alle möglichen gesundheitlichen Beeinträchtigungen und Probleme, welche ich nicht habe. Eine schiere Dankbarkeit für den eigenen gesundheitlichen Zustand und jenen meiner Nächsten. Gerade wir, die wir im Gesundheitswesen arbeiten, im hektischen Arbeitsalltag stets effizient funktionieren müssen, wie selten sind wir uns bewusst und dankbar für unsere Gesundheit. Kranke und beeinträchtigte Menschen, Personen mit chronischen Krankheiten sind Tag für Tag bereits beim Aufstehen mit ihrer Krankheit konfrontiert. Tagtäglich kämpfen sie für Dinge, die für die meisten anderen selbstverständlich sind. Sich anzuziehen, Frühstück zu essen, zu Fuss zur Arbeit zu gehen oder zu fahren. Was bedeutet es, täglich Schmerzen zu empfinden, auf Medikamente und Hilfe angewiesen zu sein, täglich niedergeschlagen, erschöpft oder bei der noch so kleinsten Aktivität ausser Atem zu sein? Das Bundesamt für Statistik (BFS) spricht von 2,3 Millionen chronisch Kranken in der Schweiz [1]. Um dieses Bewusstsein und die Solidarität mit kranken Menschen zu fördern, wurde 1939 erstmals ein «Tag der Kranken» durchgeführt. Der «Tag der Kranken» möchte dazu beitragen, Beziehungen zwischen Kranken und Gesunden zu fördern, Verständnis für die Bedürfnisse der Kranken zu schaffen und an die Pflichten der Gesunden gegenüber kranken Menschen zu erinnern. 1943 wurde der Gedenktag auf die ganze Schweiz ausgeweitet. Heute ist der «Tag der Kranken» ein gemeinnütziger Verein mit Sitz in Bern. Mitglieder sind sowohl Patientenorganisationen als auch Gesundheitsligen, Branchen- und Fachverbände, die Schweizerische Konferenz der kantonalen Gesundheitsdirektorinnen und -direktoren (GDK) sowie andere im Gesundheitswesen tätige Vereinigungen und Verbände. Auch die FMH unterstützt den «Tag der Kranken» seit vielen Jahren.

Diese positive Heransgehensweise sollten wir uns öfters zum Motto machen. Dazu gehört auch Dankbarkeit und Wertschätzung.

Den Mut nicht verlieren

Dieses Jahr trägt der Tag das Motto «Zuversicht stärken». Bei kranken, betagten und beeinträchtigten Menschen kann die ständige Thematisierung der Probleme im Gesundheitswesen Sorgen und Ängste hervorrufen. Auf diesen Umstand hat die FMH immer wieder mit Nachdruck hingewiesen. Das Thema Fachkräftemangel und Medikamentenknappheit nimmt zu und ist mittlerweile auch für viele Patientinnen und Patienten spürbar. Die Problematik ist vielschichtig und komplex. Hier braucht es weiter Sensibilisierung und breit abgestützte Lösungen. Weiter riskieren Kostenbegrenzungen, Kostendeckel und -ziele, die medizinische Versorgung genau für jene Personen einzuschränken, die sie am nötigsten brauchen, für chronisch und mehrfach Erkrankte. Diese Gefahr, dass heute verfügbare medizinische Angebote den Betroffenen in Zukunft nicht mehr zur Verfügung stehen könnten, bereitet Sorgen und Ängste. Um diesen zu begegnen, ist der «Tag der Kranken» auf Spurensuche gegangen, wie es gelingt, angesichts dieser Ausganglage den Mut nicht zu verlieren. Lesen Sie dazu auch den Artikel zum «Tag der Kranken».

«Good news» aus dem Gesundheitswesen

Diese positive Heransgehensweise sollten wir alle uns öfters zum persönlichen Motto machen. Dazu gehört auch, dankbar zu sein und Wertschätzung zu geben. Kranke Menschen nehmen jeden Tag trotz vielen Hindernissen die Herausforderung auf sich, durch den Tag zu kommen. Auch das Gesundheitswesen ist mit vielen Herausforderungen behaftet, auch hier müssen wir den Mut aufbringen, uns täglich erneut einzubringen. Viele schwierige Situationen konnten wir im vergangenen Jahr hinter uns lassen. Auch was die Gesundheitspolitik anbelangt, müssen wir uns bewusst sein, dass viele problematische Vorlagen dank guter Zusammenarbeit und vielen wichtigen Gesprächen im Parlament verbessert wurden. Insbesondere die Tatsache, dass das Parlament im Dezember 2023 nach langer Debatte die «Finanzierung der Gesundheitsleistungen aus einer Hand. Einführung Monismus» [2] verabschiedet hat, ist ein grosser Erfolg, der Hoffnung macht. Diese parlamentarische Initiative, besser bekannt als EFAS für die einheitliche Finanzierung von ambulanten und stationären medizinischen Leistungen, war 2009 von der damaligen Nationalrätin Ruth Humbel lanciert worden. Der späte Erfolg nach 14 Jahren zeigt, dass es sich lohnt, dranzubleiben und Ausdauer an den Tag zu legen.

Unser tägliches Engagement soll schliesslich immer dem Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten entgegenkommen.

Auch ein anderer, etwas kleinerer Erfolg ist bemerkenswert: Zu Beginn dieses Jahres ist ein neues Abgeltungssystem für Arzneimittel in Kraft getreten mit einem neuen Abgeltungsmodell für verschreibungspflichtige Arzneimittel und einem wirkstoffgleichen Vertriebsanteil für Originale und Generika. «Das neue Abgeltungssystem umfasst weniger Preisklassen, hat einen tieferen Prozent-Zuschlag sowie eine höhere Pauschale für die teuersten der teuersten Arzneimittel.» Lesen Sie mehr dazu im Artikel von Sven Bradke und Urs Stoffel, der in Ausgabe 3 der Schweizerischen Ärztezeitung erschienen ist [3]. Diese massgebliche Strukturveränderung verringert die Fehlanreize, senkt die heutigen Quersubventionierungen und kommt der Kostenwahrheit näher. Aufgrund des höheren Prozentzuschlags war das Verschreiben von teureren Medikamenten zuvor tendenziell besser vergütet als das Verschreiben von günstigen Arzneimitteln . Dieser Fehlanreiz wurde nun bereinigt. Das neue Abgeltungsmodell enthält auch Artikel für den Off-Label-Use von Medikamenten. Dies kommt vor allem Krebspatientinnen und -patienten zugute. Lesen Sie mehr dazu im Artikel der Schweizerischen Gesellschaft für Medizinische Onkologie SGMO in Ausgabe 7 [4]. Die FMH hatte sich jahrelang für die Überarbeitung des Abgeltungsmodells eingesetzt. Expertinnen und Experten erhoffen sich dadurch grosse Einsparungen und eine Zunahme der Verwendung von Generika, die in der Schweiz prozentual höher liegen könnte. Es gibt also durchaus auch good news im Gesundheitswesen, die uns motivieren können und sollen.
Und ein zentraler Leitgedanke darf uns, die wir uns im Gesundheitswesen engagieren, positiv stimmen: Nämlich dass unser Engagement, das wir täglich leisten, schliesslich immer dem Wohlbefinden der Patientinnen und Patienten entgegenkommen soll. Hier liegt unser Fokus. Für die Heilung von Krankheiten, die Linderung von Beschwerden, die gute Begleitung von unheilbar Kranken. Und schliesslich ganz wichtig – für Empathie, Solidarität und Unterstützung von kranken Menschen und allen Patientinnen und Patienten.
Stefan Kaufmann Generalsekretär der FMH
1 https://www.bag.admin.ch/bag/de/home/zahlen-und-statistiken/zahlen-fakten-nichtuebertragbare-krankheiten.html
2 https://www.parlament.ch/de/ratsbetrieb/suche-curia-vista/geschaeft?AffairId=20090528
3 Bradke S, Stoffel U. Neues Abgeltungssystem für Arzneimittel. Schweiz Ärzteztg. 2024;105(03):30-31 https://saez.swisshealthweb.ch/de/article/doi/saez.2024.1355310466/
4 von Moos R, et al. Praxisrelevante Auswirkungen für Ärztinnen und Ärzte. Schweiz Ärzteztg. 2024;105(07):34-39. https://saez.swisshealthweb.ch/de/article/doi/saez.2024.1362607424/