Auf den Punkt

«Es gibt etliche Erschwernisse»

News
Ausgabe
2024/21
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1398608299
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(21):8-9

Publiziert am 22.05.2024

Alternative Arznei
Cannabis als First-Line-Treatment? Cannabinoide Arzneimittel können Patientinnen und Patienten zu besserem Schlaf, weniger Schmerzen und mehr Lebensqualität verhelfen – davon ist Bea Goldman überzeugt. Doch Wissensdefizite bei medizinischem Fachpersonal und hohe Kosten bremsen den Einsatz.
In den Kantonen Basel, Bern und Zürich gibt es universitäre Pilotprojekte, die die Abgabe von Cannabis über längere Zeiträume untersuchen.
© Sophon Mangmeetanawong / Dreamstime
Welche Vorteile hat der Einsatz von Cannabis in der Pflege?
Bei hochaltrigen Patientinnen und Patienten kann der Einsatz von Cannabinoiden Arzneimitteln (CAM) hilfreich sein, um Leiden zu reduzieren und die Lebensqualität positiv zu beeinflussen. Wenn Betroffene weniger Schmerzen haben, sich mehr bewegen können, besser schlafen, essen und besser mit ihrer Situation oder Erkrankung umgehen können, dann hat das sicherlich einen positiven Einfluss auf die Pflegenden und Angehörigen, ob zuhause oder in Pflegeinstitutionen.
Bei welchen Krankheiten empfehlen Sie den Einsatz von Cannabis?
In vielen Disziplinen wird Cannabis bereits eingesetzt, allerdings nicht als First-Line-Treatment, sondern erst, wenn alle anderen Optionen ausgereizt sind und das Leid anhält. CAM wird eingesetzt bei den degenerativen Erkrankungen, bei Polyneuropathie und diversen Schmerzzuständen verschiedener Ursachen, besonders bei Lower Back Pain, Rückenmarksverletzten, um nur ein paar zu nennen. Spastik ist einer der Hauptverschreibungsgründe für CAM. In der Onkologie sind häufige Indikationen Übelkeit, Kachexie, Muskel-/Nervenschmerzen, Schlafstörungen etc. Bei geriatrischen oder palliativen Patienten kann CAM wesentlich zur Reduktion ihrer Symptomlast beitragen und durch verbesserten Schlaf kann sich die Stimmung und Coping verbessern. Patientinnen und Patienten mit dermatologischen Indikationen, im Speziellen bei Neurodermitis, Psoriasis oder Tumortherapie bedingten Hautschäden, kann CBD-Creme sehr wertvoll sein.
Warum ist Cannabis besser geeignet als andere Medikamente?
Das kann man so pauschal nicht sagen. CAM sollte einfach einen Platz haben in der Medizin als eine Therapieoption, und zwar nicht als Allerletztes «wenn alles nichts hilft». Ausserdem, wie bei vielen anderen Medikamenten, geht man auch bei CAM von einer Non-Responder-Rate von etwa 30% aus. Wenn man den medizinischen Grundsatz «primum non nocere» wirklich ganz beherzigen würde, dann müsste man in ganz vielen medizinischen Gebieten CAM vielleicht schon als First-Line-Treatment versuchen. Bevor Therapien mit zum Teil gravierenden Nebenwirkungen, Suchtrisiko oder probatorischen, riskanten (Off-Label) Verschreibungen erfolgen.
Nach welchen Richtlinien wird auf den Einsatz von Cannabis zurückgegriffen?
Seit August 2022 ist die Therapie mit CAM in den Händen der Ärzteschaft und braucht keine Einzelbewilligung des BAG mehr. Die Schweizerische Gesellschaft für Cannabis in der Medizin (SGCM) hat zur Therapie mit CAM verschiedene Therapieempfehlungen publiziert und wird weitere erarbeiten. Bei CAM über 1% THC kommen reguläre Kontrollmassnahmen, wie für andere kontrollierte Substanzen aus dem Verzeichnis zur Anwendung. Jede Medizinalfachperson mit Verschreibungsberechtigung kann mit einem Betäubungsmittelrezept CAM verschreiben. Jedoch müssen Patientinnen und Patienten ins BAG-MeCanna-Register eingetragen werden. Mit dieser prospektiven, obligatorischen BAG-Datensammlung erhofft man sich Erkenntnisse zur CAM-Anwendung in der Schweiz.
Wie sehen Sie das Thema Cannabis in der Medizin in der Zukunft?
Es gibt etliche Erschwernisse. Das Wissensdefizit bei medizinischen Fachpersonen, Vorurteile und die hohen Kosten sind für die Sache der CAM nicht förderlich. Ebenso ist die Forschungsfinanzierung ein Problem und milliardenschwere ausländische Grosskonzerne versuchen, auf verschiedene Arten in der Schweiz an Einfluss zu gewinnen. Es gibt auch viele positive Entwicklungen. Drei Vorstandsmitglieder der SGCM haben mit Unterstützung der Ostschweizer Fachhochschule (FH OST) und der Patientenvereinigung Medcan eine industrieunabhängige, interprofessionelle erfolgreiche CAM-Fortbildung auf die Beine gestellt, welche nun vom BAG und vom Kanton SG gefördert wird. Auch auf politischer Ebene ist einiges im Gange: In den Kantonen Basel, Bern und Zürich gibt es universitäre Pilotprojekte, die die Abgabe von Cannabis über längere Zeiträume untersuchen.
Bea Goldman MSc APN, Specialty Care Medical Cannabis & Neuropalliation, Stauffacher Apotheke ZH

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