«Es gibt keine Patentlösung für komplexe Systeme»
Auf den Punkt

«Es gibt keine Patentlösung für komplexe Systeme»

News
Ausgabe
2024/24
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1404301133
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(24):8-9

Publiziert am 12.06.2024

Kostenbremse-Initiative
Das Stimmvolk hat zu zwei Reformen im Gesundheitswesen «Nein» gesagt. Die Kostenbremse-Initiative wurde mit 62,8% abgelehnt. Wir haben mit FMH-Präsidentin Yvonne Gilli über den Ausgang der Abstimmung gesprochen.
Was bedeutet das erhoffte «Nein» zur Kostenbremse-Initiative für die FMH und die Ärzteschaft?
Das deutliche Ergebnis ist ein Bekenntnis der Schweizer Stimmbevölkerung zur qualitativ hochstehenden und für alle zugänglichen Gesundheitsversorgung. Die Bevölkerung hat den Argumenten der Gesundheitsfachleute vertraut, welche die Initiative bekämpft haben. Für die Ärzteschaft bedeutet die Ablehnung der Kostenbremse einen wichtigen Schritt für den Schutz guter Arbeitsbedingungen. Es ist auch ein klares Signal an die Politik, den Fokus weg von den Kosten und hin zum Nutzen zu richten.
Wie können die steigenden Prämienkosten in Zukunft gedämpft werden?
Die Ärzteschaft ist in der Mitverantwortung für eine Gesundheitsversorgung, die nicht nur qualitativ gut, sondern auch allen zugänglich und leistbar ist. Der soziale Ausgleich zur Entlastung der Pro-Kopf-Prämien ist unbestritten. Von politischer Seite sind die wichtigsten Massnahmen jetzt die Umsetzung des indirekten Gegenvorschlags zur Prämien-Entlastungs-Initiative der SP sowie die Inkraftsetzung einer der wichtigsten KVG-Reformen: die einheitliche Finanzierung ambulanter und stationärer Leistungen. Dazu wird die Bevölkerung entscheiden können. Die Ärzteschaft wird ein wichtiges Wort mitzugestalten haben, indem sie das Referendum gegen dieses Gesetz entschieden und glaubwürdig bekämpft. Ein zweiter unmittelbarer Schritt sind sachgerechte Tarife, und damit die anstehende Genehmigung der ambulanten Tarifreform TARDOC.
Welche Botschaft haben Sie für die nun enttäuschten Befürworter der Kostenbremse-Initiative?
Für komplexe Systeme gibt es keine Patentlösungen. Gemeinsam mit den Akteuren des Gesundheitswesens können lösungsorientierte Prozesse umgesetzt werden.
Wie sehen die weiteren Schritte der FMH in dieser Sache aus?
Für die Ärzteschaft zeichnet sich für die nahe Zukunft wegen des Fachkräftemangels die Unterversorgung als Gefahr ab, und nicht eine Überversorgung. Neben der Erhöhung der Studien- und Ausbildungsplätze brauchen wir attraktive berufliche Rahmenbedingungen – sowohl, um junge Ärztinnen und Ärzte im Beruf zu halten, als auch Ärztinnen und Ärzte im Ruhestand zur Weiterarbeit zu motivieren. Gefragt sind deshalb beispielsweise zeitgemässe Arbeitszeitmodelle, Abbau von Bürokratie und nicht zielführender Mikroregulierung, nutzenbringende Digitalisierung und sachgerechte Tarife.
Wie denken Sie über die Pläne von SP und Mitte über eine Einheitskrankenkasse?
Klar ist, dass eine Einheitskasse an der aktuellen Entwicklung nichts ändern würde. Die Kostenentwicklung durch Demografie, medizinischen Fortschritt und zunehmendes Gesundheitsbewusstsein erfolgt unabhängig davon, ob man eine Einheitskasse hat oder nicht. Prämienanstiege müssen mit geeigneten politischen Massnahmen sozial verträglich flankiert werden. Weniger ist auch in der Politik mehr. Wichtige Reformen müssen jetzt zuerst umgesetzt und auf ihre Wirkung geprüft werden, bevor ein qualitativ hervorragendes System grundsätzlich infrage gestellt wird.
Yvonne Gilli Dr. med., Präsidentin FMH

Kommentare

Mit der Kommentarfunktion bieten wir Raum für einen offenen und kritischen Fachaustausch. Dieser steht allen SHW Beta Abonnentinnen und Abonnenten offen. Wir publizieren Kommentare solange sie unseren Richtlinien entsprechen.