Auf den Punkt

Schlafforschung wird fortgesetzt

News
Ausgabe
2024/25
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1404971864
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(25):8-9

Publiziert am 19.06.2024

«Decoding Sleep»
An der Universität Bern ging dieses Jahr ein gross angelegtes interdisziplinäres Forschungsprojekt zum Thema Schlaf zu Ende. Die dabei gewonnenen Erkenntnisse sollen der Bevölkerung durch diverse Angebote zugutekommen. Das Projekt wird weiterverfolgt.
Im Schlaflabor untersuchte die interfakultäre Forschungskooperation «Decoding Sleep» die Funktion und Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus.
© Tanja Laeser / Insel Gruppe AG
Um die Funktion und Regulation des Schlaf-Wach-Rhythmus besser zu verstehen und Strategien für frühzeitige und personalisierte Therapien von schlafbezogenen Störungen zu entwickeln, wurde vor sechs Jahren ein grosses, interdisziplinäres Forschungsprojekt lanciert – die sogenannte Interfakultäre Forschungskooperation (IFK) «Decoding Sleep». Seit 2024 ist das Projekt abgeschlossen, teilt die Medizinische Fakultät der Universität Bern mit.
Die Forschenden aus Medizin, Psychologie, Psychiatrie und der Informatik haben gemeinsam über 100 wissenschaftliche Publikationen und zwei Patente erarbeitet und damit zu einem grossen Erkenntnisgewinn beigetragen. Das ermögliche nun die Weiterführung der Forschung in zahlreichen Folgeprojekten, die mit insgesamt 13 Millionen Franken gefördert werden.

Weltweit führendes Schlafnetzwerk

Die Schlafforschung und -medizin habe in Bern eine über 40-jährige Tradition, die in den 1980er Jahren mit der Aufzeichnung von Hirnströmen sowie von Augen- und Atembewegungen begann. Aus der Zusammenarbeit von Pneumologen und Neurologen entstand in den 1990er Jahren das erste interdisziplinäre Schlaflabor der Schweiz. Bald kamen Psychiatrie und Pädiatrie hinzu. «In den vergangenen zwölf Jahren haben wir viel investiert und Forschende aus weiteren Disziplinen um das Thema Schlaf versammelt», sagt Claudio Bassetti, Chefarzt der Universitätsklinik für Neurologie des Inselspitals und Leiter des nun abgeschlossenen interdisziplinären Grossprojekts. So entstanden das Zentrum für experimentelle Neurologie (ZEN) am Inselspital und das NeuroTec-Labor im Gebäude von sitem-insel, in dem Schlafforschende unter anderem mit Ingenieurinnen und Ingenieuren des ARTORG Center der Universität Bern neue Untersuchungsgeräte entwickeln.
Auf diese breite interdisziplinäre Basis konnte die IFK «Decoding Sleep» aufbauen. «Mit rechnergestützten Modellierungen sind wir dabei auch in neue Dimensionen vorgestossen», sagt Bassetti. Externe Fachleute, die die IFK nach Projektabschluss kritisch unter die Lupe nahmen, hätten dem Berner Schlafnetzwerk aus Forschenden, Ärztinnen und Ärzten attestiert, «zu den zehn oder fünfzehn wichtigsten weltweit» zu gehören.
Das Forschungsprojekt habe auch dazu geführt, dass physische Strukturen geschaffen wurden, die langfristig Bestand haben werden. Zu diesen Strukturen zählt Fred Mast, Professor für Psychologie an der Universität Bern und Co-Leiter des Forschungskonsortiums «Decoding Sleep», einerseits neu entwickelte Forschungsgeräte, wie etwa das auf einer hydraulischen Plattform montierte Bett, das sich im Labor seiner Gruppe wie eine Hightech-Wiege in alle Raumrichtungen hin und her bewegen kann. «Wir untersuchen damit, ob sich beruhigende Bewegungen auf die Schlafarchitektur auswirken – und vielleicht sogar den Tiefschlaf verlängern», sagt Mast.
Ausserdem gebe es neu geschaffene Organisationseinheiten, wie etwa das Ende 2022 eröffnete «Swiss Sleep House Bern», dessen Angebot sich an die gesamte Bevölkerung richtet. «In der Schweiz leiden mehr als zwei Millionen Menschen an gestörtem Schlaf», sagt Bassetti. «Die allermeisten werden gar nicht oder nicht richtig behandelt. Wir wollen diese Personen besser erreichen.»

Mit KI Schlaftabletten verbessern

Auch mit weiterführenden Forschungsvorhaben möchten Mitglieder der IFK «Decoding Sleep» die Schlafqualität verbessern. Etwa mit einem kürzlich vom Schweizerischen Nationalfonds mit 2,5 Millionen Franken unterstützten Forschungsprojekt, in dem eine Software entwickelt werden soll, die anhand der Aktivität von Hirnzellen im Schlaf vorhersagen kann, wie gut sich verschiedene Wirkstoffkandidaten als Schlaftabletten eignen. «Heutige Schlaftabletten erleichtern zwar das Einschlafen, haben aber viele Nebenwirkungen», sagt die am Projekt beteiligte Athina Tzovara, Professorin am Institut für Informatik und am Zentrum für Experimentelle Neurologie der Universität Bern und Co-Leiterin der IFK «Decoding Sleep». «Deshalb ist die Suche nach neuen Substanzen so wichtig», sagt sie. Das Projekt sei ein typisches Resultat aus dem IFK, als es von den Synergien zwischen experimentell Forschenden und Fachpersonen aus den Computerwissenschaften profitiere.

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