Je früher, desto besser

Schwerpunkt
Ausgabe
2024/24
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1423748435
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(24):

Affiliations
a Dr. phil. nat..
b Dr. med. vet.
a, b Krebsliga Schweiz

Publiziert am 12.06.2024

Prävention
Dickdarmkrebs ist eine häufige und leider oft tödliche Tumorerkrankung. Mit einem gesunden Lebensstil lässt sich das Erkrankungsrisiko senken. Früherkennungsuntersuchungen steigern die Chance auf eine frühe Diagnose und Heilung. Auch bei jüngeren Menschen müssen allfällige Symptome ernstgenommen werden.
In der Schweiz ist Dickdarmkrebs nach Prostata-, Brust- und Lungenkrebs die häufigste bösartige Tumorerkrankung. Pro Jahr erkranken rund 2500 Männer und 2000 Frauen daran. Mit rund 1700 Todesfällen jährlich ist Dickdarmkrebs für rund jeden zehnten krebsbedingten Todesfall verantwortlich. Damit ist es nach Lungenkrebs die tödlichste Krebserkrankung. Studien haben gezeigt, dass ein gesunder Lebensstil das Risiko, an Darmkrebs zu erkranken, senken kann. Dazu gehören regelmässige Bewegung, eine Ernährung mit viel Nahrungsfasern und wenig rotem Fleisch oder Alkohol, die Vermeidung von Übergewicht sowie der Verzicht auf Tabak. Dies bedeutet aber nicht, dass eine Dickdarmkrebserkrankung auf das Verhalten der Betroffenen zurückzuführen ist. Betroffene trifft keine Schuld, denn ein gesunder Lebensstil ist keine Garantie, einen Dickdarmtumor zu vermeiden.
Mit Früherkennungsuntersuchungen können bereits Vorstufen von Dickdarmkrebs erkannt werden.
© Kateryna Kon / Dreamstime

Bei rund 20 Prozent der Darmkrebserkrankungen liegt eine familiäre Häufung vor.

Faktoren für erhöhtes Risiko

Bei rund 20 Prozent der Darmkrebserkrankungen liegt eine familiäre Häufung vor. Neben dem Lynch Syndrom, der familiären adenomatöse und der hamartomatösen Polyposis sind noch eine Reihe von weiteren genetischen Mutationen mit einem erhöhten Dickdarmkrebsrisiko assoziiert. Viele davon konnten noch nicht identifiziert werden. Deshalb sollten Personen mit Dickdarmkrebserkrankungen in der nahen Verwandtschaft individuell beraten werden. Ist das Dickdarmkrebs-Risiko erhöht, kann eine regelmässige Darmspiegelung bereits in jüngerem Alter Sinn machen. Neben der genetischen Disposition erhöhen auch chronisch entzündliche Darmerkrankungen wie Colitis ulcerosa und Morbus Crohn das Risiko, an Dickdarmkrebs zu erkranken.

Bessere Prognosen dank Früherkennung

Dank Früherkennung und verbesserten Therapiemethoden ist die Erkrankung heute in vielen Fällen heilbar. Mehr als zwei Drittel aller Betroffenen leben rund fünf Jahre nach einer Dickdarmkrebserkrankung noch. Wie bei vielen Krebserkrankungen gilt: Je früher der Tumor entdeckt wird, desto besser ist die Prognose. Deshalb ist es wichtig, dass bereits die ersten Anzeichen erkannt werden. Krebserkrankungen im Dick- und Enddarm entwickeln sich langsam und verlaufen zunächst häufig ohne oder mit sehr unspezifischen und leichten Symptomen. Es gibt aber einige Warnzeichen, bei denen eine Dickdarmkrebserkrankung ausgeschlossen werden sollte. Dazu gehören unter anderem:
  • Blut im Stuhl
  • plötzliches Auftreten von Durchfall oder Verstopfung oder Wechsel zwischen beidem
  • fadenförmige Stühle, Stuhldrang ohne Entleerung
  • Gewichtsabnahme ohne klaren Grund
  • schleimiger Stuhl, Blutungen im Enddarm
  • Blässe, Abgeschlagenheit, ständige Müdigkeit
Zwar treten über 90 Prozent der Darmkrebserkrankungen bei den über 50-Jährigen auf, in den vergangenen Jahren hat die Inzidenz von Dickdarmkrebs bei jüngeren Frauen und Männern aber leicht zugenommen. Deshalb ist es wichtig, dass Ärztinnen und Ärzte Alarmsignale auch bei jüngeren Menschen ernst nehmen und bei anhaltenden Beschwerden eine Darmspiegelung machen lassen.

FIT-Test oder Koloskopie?

Bei einer Darmspiegelung können bereits Polypen erkannt und entfernt werden. Aus diesen zunächst gutartigen Wucherungen können sich über mehrere Jahre Tumoren entwickeln. Die Möglichkeit, Tumoren nicht nur in einem frühen Stadium erkennen zu können, sondern bereits deren Vorstufen entfernen zu können, macht Dickdarmkrebs zum geeigneten Kandidaten der Früherkennung.

In den vergangenen Jahren hat die Inzidenz von Dickdarmkrebs bei jüngeren Frauen und Männern leicht zugenommen.

Entsprechend bieten in der Schweiz bisher 17 Kantone ein Früherkennungsprogramm an oder sind daran, ein solches einzuführen. Die meisten Programme lassen den über 50-jährigen in der Schweiz lebenden Personen dabei die Wahl zwischen zwei Methoden: Sie können entweder eine Darmspiegelung machen, die – bei unauffälligem Ergebnis – alle zehn Jahre wiederholt werden muss. Oder sie können zu Hause einen Blut-im-Stuhl Test (FIT-Test) durchführen. Dieser muss, wenn im Stuhl kein Blut gefunden wird, alle zwei Jahre wiederholt werden. Einzelne Kantone setzen auch einzig auf den Blut-im-Stuhl-Test.
Cancerscreening-Angebote in ihrem Kanton.
 © swiss cancer screening
Zwar ist der FIT-Test weniger sensitiv als eine Darmspiegelung und Polypen können nicht direkt entfernt werden. Grossangelegte Studien zeigen aber, dass der Test dennoch geeignet ist, die Darmkrebs-Sterblichkeit zu senken, wenn er konsequent alle zwei Jahre durchgeführt wird [1]. Da er nicht invasiv ist und ohne vorheriges Abführen durchgeführt werden kann, ist er zudem eine Alternative für Menschen, die keine Darmspiegelung wollen. So kann die Teilnahme an Früherkennungsprogrammen erhöht werden. Viele Menschen sind unsicher, ob und welche Früherkennungsuntersuchung sie machen wollen. Ein Gespräch mit der Hausärztin oder dem Hausarzt, in dem Vor- und Nachteile der Untersuchungen, das persönliche Risiko und die individuellen Präferenzen ausgewogen diskutiert werden, kann helfen, eine informierte Entscheidung zu treffen. In Kantonen, in denen kein Programm besteht, ist es besonders wichtig, dass die verschiedenen Optionen von der Hausärztin oder dem Hausarzt angesprochen werden. Sowohl der Blut-im-Stuhl-Test alle zwei Jahre, als auch eine Koloskopie alle zehn Jahre sind kassenpflichtig. Allerdings ist die Früherkennung ausserhalb eines Programms nicht von der Franchise befreit.

Erhöhung des Alters für Kostenübernahme

Gemäss der Krankenpflege-Leistungsverordnung (KLV) wird die Dickdarmkrebs-Früherkennung heute im Alter von 50 bis 69 von der Krankenkasse übernommen. Die meisten internationalen Richtlinien sowie die Richtlinien der World Gastroentereology Organization (WGO) empfehlen Dickdarmkrebs-Früherkennung für Personen im Alter von 50 bis 74 Jahren. Auch in der Schweiz wird über die Hälfte der Dickdarmdiagnosen bei Menschen über 70 gestellt. Die Krebsliga hat deshalb im vergangenen Jahr zusammen mit anderen Organisationen und Fachgesellschaften beim Bundesamt für Gesundheit (BAG) beantragt, dass die obere Altersgrenze für die Dickdarmkrebs-Früherkennung auf 74 angehoben wird. Daneben setzt sie sich dafür ein, dass in allen Kantonen entsprechende Programme angeboten werden.

Weitere Informationen:

Einfach verständliche Informationen für Betroffene und deren Angehörige gibt es unter www.krebsliga.ch/darmkrebs, samt Erklärvideo und Informationsbroschüren zum kostenlosen Download.
Dr. phil. nat. Nicole Steck Wissenschaftlicher Support bei der Krebsliga Schweiz
Dr. med. vet. Julia Schwarz Spezialistin Früherkennung bei der Krebsliga Schweiz
media[at]krebsliga.ch
1 Lauby-Secretan B, Vilahur N, Bianchini F, Guha N, Straif K; International Agency for Research on Cancer Handbook Working Group. The IARC Perspective on Colorectal Cancer Screening. N Engl J Med. 2018: 378(18):1734-1740. doi: 10.1056/NEJMsr1714643. Epub 2018 Mar 26. PMID: 29580179; PMCID: PMC6709879.
Disclosure Statement
Dieser Beitrag wurde von der Krebsliga zur Verfügung gestellt. Die Schweizerische Ärztezeitung und Swiss Medical Forum übernehmen für den Inhalt keine Verantwortung.

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