KI im Gesundheitswesen: Revolution oder Risiko?

Schwerpunkt
Ausgabe
2024/1920
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1432129992
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(19–20):

Affiliations
a Dr. med., Kantonsspital Aarau, b Kantonsspital Aarau

Publiziert am 08.05.2024

Effizienz
Die Künstliche Intelligenz (KI) hat in den letzten Jahren eine wichtige Rolle im Gesundheitswesen eingenommen. Ihre Einsatzmöglichkeiten versprechen nicht nur Innovation, sondern auch eine wesentliche Erleichterung für medizinisches Fachpersonal. Angesichts der stetigen Weiterentwicklung von Technologie und Digitalisierung ist es entscheidend, die Veränderungen, welche KI in Schweizer Spitälern mit sich bringt, zu verstehen.
In einer Welt in der Zeitdruck und die Notwendigkeit schneller, präziser Entscheidungen im Gesundheitswesen allgegenwärtig sind, bietet die Integration von KI-Technologien ein beispielloses Potenzial der Transformation. KI hat das Potenzial, repetitive und datenbasierte Aufgaben zu beschleunigen und die Qualität der medizinischen Versorgung zu erhöhen. Insbesondere administrative Prozesse, die oft als zeitraubend und fehleranfällig betrachtet werden, können durch KI vereinfacht werden. Die Algorithmen können helfen, Patientendaten effizient zu verwalten, Termine zu koordinieren sowie die Abrechnung zu vereinfachen, was zu einer signifikanten Reduzierung von Verwaltungsaufgaben führt. Dies wiederum ermöglicht es dem medizinischen Personal, sich verstärkt auf die eigenen Kernkompetenzen zu konzentrieren, und verbessert somit die Qualität der Patientenversorgung.
Die KI hat das Potential, repetitive datenbasierte Aufgaben zu beschleunigen und die Qualität der medizinischen Versorgung zu erhöhen.
 © ipopba/ gettyimages

KI-Systeme unterstützen bei der Diagnostik und der Behandlung, indem sie Muster erkennen und präzise Vorhersagen machen.

Frühzeitige Diagnostik dank KI

Für die medizinischen Arbeitsabläufe sind die Entwicklungen vielversprechend. KI-Systeme unterstützen bei der Diagnostik und der Behandlung, indem sie riesige Datenmengen analysieren, Muster erkennen und schnelle, präzise Vorhersagen treffen können. Diese Fähigkeit ist besonders bei der Erkennung von Krankheiten wie Krebs, bei denen eine frühzeitige Diagnose lebensrettend sein kann, von unschätzbarem Wert. Beispiele sind: Krebsscreening-Verfahren der Brust, Prostata oder Lunge. Darüber hinaus fördert KI die Entwicklung der personalisierten Medizin, die insbesondere bei der Behandlung und Medikation auf die genetischen Merkmale des Einzelnen abgestimmt ist, was einerseits deren Wirksamkeit erhöht und andererseits die Nebenwirkungen reduziert. KI hat das Potenzial, die Forschung und Innovation im Gesundheitswesen voranzutreiben und zu beschleunigen, indem sie neue Zusammenhänge entdeckt und zur Verbesserung der Patientenversorgung beiträgt. Dieser Fortschritt könnte den Weg zu Behandlungen für bisher unheilbare Krankheiten ebnen.

KI in der medizinischen Praxis

Am Kantonspital Aarau (KSA) wird KI schon seit einigen Jahren im Alltag eingesetzt, um administrative Prozesse zu unterstützen, sowie die medizinischen Abläufe sicherer und effizienter zu gestalten. Ziel dabei ist die Sicherung und Verbesserung der Qualität in der Patientenversorgung trotz anhaltendem Fachkräftemangel und angespannter Wirtschaftslage. Zu den Anwendungsbereichen gehören unter anderem: die Erkennung von Frakturen, Lungen- und Brustkrebs sowie Lungenembolien. Zusätzliche relevante Unterstützung bietet KI bei der automatischen Hirnvolumetrie und Erkennung von entzündlichen Läsionen und der Hirnschlagdiagnostik.

Standardisierung klinischer Datenplattformen

Ein wichtiger Grundpfeiler für KI-Systeme ist die Verfügbarkeit von qualitativ hochwertigen Daten in grossen Mengen, welche aus einer digitalisierten interoperablen Spitallandschaft stammen. Um die Effizienz der KI-Systeme zu steigern, also von möglichst grossen Datenmengen Gebrauch machen zu können, muss der Austausch von Daten system- und institutionenübergreifend ermöglicht werden. Aus diesem Grund ist eine Vereinheitlichung von Datensystemen unabdingbar. Es wird dabei auf klinische Datenplattformen, die auf offenen Standards basieren, gesetzt. Diese Massnahmen dienen dem Ziel, die Speicherung, den Abruf und Austausch von Gesundheitsdaten zu vereinheitlichen. Offene Standards sollen datenbasierte Innovationen unter Sicherstellung vom Datenschutz und Forschungsgesetz ermöglichen und die Zusammenarbeit zwischen den Spitälern fördern, sodass eine nachhaltige und qualitativ hochstehende medizinische Versorgung in Zukunft gewährleistet werden kann.

Während Algorithmen Entscheidungshilfen bieten, sollten sie nicht die menschliche Urteilskraft und Empathie ersetzen.

Innovation versus Datenschutz und Datenregulierung

Die ethische und regulatorische Dimension der KI-Nutzung ist von grosser Bedeutung: Während Algorithmen Entscheidungshilfen bieten, sollten sie nicht die menschliche Urteilskraft und Empathie ersetzen, besonders nicht bei kritischen medizinischen Entscheidungen. Es ist deshalb entscheidend und unsere Pflicht, einen Rahmen zu schaffen, der eine verantwortungsvolle Nutzung der KI gewährleistet und gleichzeitig die Innovation fördert.
Die vielversprechenden Möglichkeiten der KI im Gesundheitswesen bringen also auch Herausforderungen mit sich. Da sensible Patientendaten geschützt werden müssen, sind Datenschutz, Transparenz und Sicherheit von grösster Bedeutung. Damit die Sicherheit gewährleistet ist, bedarf es spezifischer Schulungen des medizinischen Personals. Nur so können die Vorteile der KI voll ausgeschöpft werden. Es ist daher wichtig, gezielt entsprechende Kompetenzen in den verantwortlichen Teams zu verankern, dabei stets den ethischen Fokus zu wahren und gleichzeitig die Compliance-Richtlinien des Unternehmens nicht aus den Augen zu verlieren. So wird die erfolgreiche Integration disruptiver KI-Technologien und -Innovationen in die bestehenden klinischen und administrativen Prozesse, wie auch das Abstimmen auf die bestehenden klinischen Systeme und Infrastruktur ermöglicht.

Wie geht es weiter?

Zukünftige Entwicklungen der KI versprechen weitere Durchbrüche im Gesundheitswesen und werden die Grenzen dessen, was möglich ist, zunehmend verschieben. Die nahtlose Integration und Implementierung von KI in medizinische Geräte und Systeme wird also die Effizienz steigern und die Gesundheitsversorgung effektiver gestalten. Spezialisierte Fachkräfte zur Gewährleistung von Compliance und Governance sind dabei gefordert.

KI hat das Potenzial, das Gesundheitswesen grundlegend zu verändern und Herausforderungen, wie den Fachkräftemangel zu vermindern.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Digitalisierung und insbesondere KI das Potenzial haben, das Gesundheitswesen grundlegend zu verändern und die grossen Herausforderungen wie den Fachkräftemangel oder den zunehmenden administrativen Aufwand verbessern können. Durch die Weiterentwicklung administrativer und medizinischer Prozesse, die Unterstützung bei Diagnosen und die Beschleunigung der Forschung kann KI die Effizienz steigern und gleichzeitig die Patientenversorgung verbessern. Während Herausforderungen wie Datenschutz, Sicherheit und ethische Überlegungen angegangen werden müssen, ist das Potenzial der KI im Gesundheitswesen enorm und bietet eine vielversprechende Zukunft für die medizinische Versorgung weltweit.
Ausgewählte Themen zur patientenzentrierten Medizin, Forschung und Innovationen am Kantonsspital Aarau werden den Mitarbeitenden des KSA und der Öffentlichkeit am diesjährigen Tag der Forschung und Innovation vorgestellt. Das Ziel ist es, die Öffentlichkeit sowie die Mitarbeitenden an diese sehr spannenden und herausfordernden Themen heranzuführen und gemeinsam die Transformation des Gesundheitswesens voranzutreiben. Für eine qualitative, sichere und nachhaltig finanzierbare Gesundheitsversorgung in der Zukunft.

Weitere Informationen unter:

Dr. med. Felice Burn Leiter AI & Data Science, CoE Digitalisierung und ICT am Kantonsspital Aarau
Cyril Fischer Data Scientist und AI Engineer, Digitalisierung und ICT am Kantonsspital Aarau
Felice.Burn[at]ksa.ch
Conflict of Interest Statement
Dieser Beitrag wurde vom Kantonsspital Aarau zur Verfügung gestellt und zeigt die Sicht des Unternehmens. Schweizerische Ärztezeitung + Swiss Medical Forum übernimmt für den Inhalt keine Verantwortung.

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