Psychedelika: therapeutischer Gebrauch vs. Freizeitkonsum

Organisationen
Ausgabe
2024/21
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1439752084
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(21):

Affiliations
a PhD Cand., Psychologe, Abteilung für Psychiatrie, Suchtmedizinischer Dienst, Universitätsspital Genf
b PD, Psychiater, Abteilung für Psychiatrie, Suchtmedizinischer Dienst, Universitätsspital Genf
c PD, Psychiaterin, Abteilung für Psychiatrie, Suchtmedizinischer Dienst, Universitätsspital Genf
d MD, Psychiater, Abteilung für Psychiatrie, Suchtmedizinischer Dienst, Universitätsspital Genf
e MD, Psychiaterin, Abteilung für Psychiatrie, Suchtmedizinischer Dienst, Universitätsspital Genf
f MSc, Psychologin, Abteilung für Psychiatrie, Suchtmedizinischer Dienst, Universitätsspital Genf
g Prof., Psychiater, Abteilung für Psychiatrie, Suchtmedizinischer Dienst, Universitätsspital Genf

Publiziert am 22.05.2024

Regulierung
Das steigende Interesse an der Nutzung psychedelischer Substanzen sowohl zu therapeutischen als auch zu Freizeitzwecken geht einher mit einer bedenklichen Konfusion. Dabei unterscheiden sich diese beiden Anwendungsweisen wesentlich voneinander – in Bezug auf ihren Zweck, ihre Regulierung und die entsprechenden Entscheidungsprozesse.
Die Unterscheidung zwischen therapeutischer und nicht therapeutischer Verwendung einer Substanz ist abhängig von der Absicht, dem Kontext und dem angestrebten Nutzen. Hier sind einige wichtige Aspekte zu beachten.
Die Unterscheidung zwischen therapeutischem und nicht therapeutischem Gebrauch einer Substanz hängt von der Absicht, dem Kontext und dem angestrebten Nutzen ab.
© Yar Photographer / Dreamstime
Der therapeutische Gebrauch einer Substanz zielt darauf ab, ein bestimmtes medizinisches Problem unter der Aufsicht qualifizierter Gesundheitsfachkräfte anzugehen. Von einem Arzt verschrieben oder von einem Apotheker gehandhabt, verfügen diese Substanzen über spezifische pharmakologische Eigenschaften, die es erlauben, die Gesundheit der Patientin oder des Patienten zu verbessern.

Rechtswidrige Therapien mit illegal beschafften Psychedelika werden von Ärzten oder nicht autorisierten Personen durchgeführt.

Der nicht therapeutische Gebrauch zielt darauf ab, ohne ärztliche Aufsicht und unabhängig von einem spezifischen medizinischen Problem, Genuss, Vergnügen, Entspannung oder eine Veränderung des Gemütszustands zu erreichen. Die Substanzen werden aufgrund ihrer psychoaktiven Wirkung und nicht aufgrund eines spezifischen medizinischen Nutzens ausgewählt. In diesem Zusammenhang werden die Substanzen nicht von medizinischem Fachpersonal verschrieben und können je nach lokaler Gesetzgebung legal oder illegal erworben werden. Sie werden auch ausserhalb des medizinischen Kontexts zu sozialen Zwecken oder zur Leistungssteigerung eingesetzt, und gelegentlich sogar im Rahmen kultureller Rituale verwendet. Die Legalität und die Risiken des Konsumverhaltens variieren je nach Substanz, Region und Rechtsprechung: Es kann entweder sozial akzeptiert oder illegal sein.

Wissenschaft vs. Politik

Die Wissenschaft ist ein geordnetes System von Erkenntnissen, die aus Beobachtung, Experiment, Analyse und methodischer Erforschung der Welt und ihrer Phänomene resultieren. Sie zielt darauf ab, diese Phänomene zu verstehen, zu erklären, vorherzusagen und gelegentlich, wie beispielsweise in der Medizin, zu kontrollieren. Gestützt auf die wissenschaftliche Methode minimiert sie persönliche Vorurteile und verlangt, dass Theorien und Hypothesen testbar sind und durch empirische Daten widerlegt werden können, um als wissenschaftlich anerkannt zu werden.
Die Politik zielt darauf ab, Werte durch politische Massnahmen umzusetzen, die Prioritäten der Gesellschaft widerspiegeln. Entscheidungsträger sind dafür verantwortlich, Beschlüsse zu fällen, die den Austausch von Ansichten, Verhandlungen und Kompromissen zwischen unterschiedlichen Wertvorstellungen erfordern. Im Gegensatz zur Wissenschaft wird die Politik nicht immer von empirischen Massstäben geleitet und kann gelegentlich wissenschaftliche Beweise zugunsten politischer Interessen ausser Acht lassen.

Therapeutischer vs. Freizeitgebrauch

Die Legalisierung einer Droge für den nicht therapeutischen Gebrauch beendet ihr gesetzliches Verbot und kann durch die Ziele der Kriminalitätsreduktion, Marktregulierung, Steuereinnahmengenerierung und individuellen Rechte motiviert sein. Der demokratische Prozess umfasst unter anderem öffentliche Debatten und Volksbefragungen, welche es den Bürgern ermöglichen, Einfluss auf Regierungsentscheidungen zu nehmen. Entsprechende Gesetze regeln den Verkauf, die Verteilung und den Konsum der Substanz.
Im Gegensatz zur Regulierung der therapeutischen Anwendungen stützt sich die Legalisierung des Freizeitkonsums weniger auf wissenschaftliche Erkenntnisse und wird stärker durch politische, soziale und wirtschaftliche Überlegungen geleitet. Die vorherrschenden Ansichten, gestützt durch Argumente, die auf Werten, individuellen Rechten und wirtschaftlichen Überlegungen basieren, prägen die demokratische Regulierung massgeblich.

Die Anwendung psychedelischer Substanzen zu therapeutischen Zwecken erfordert eine Validierung durch strenge klinische Studien.

Die Regulierung des therapeutischen Gebrauchs bezweckt, die Anwendung potenziell riskanter medizinischer Substanzen zu lenken, um die Sicherheit und Wirksamkeit der Behandlungen zu gewährleisten und gleichzeitig das Risiko für Patientinnen und Patienten zu minimieren. Von Gesundheitsbehörden wie der Food and Drug Administration (FDA) in den Vereinigten Staaten etabliert, basiert diese Regulierung auf wissenschaftlichen Daten, einschliesslich klinischer Studien, strenger Produktionsstandards und kontinuierlicher Überwachung unerwünschter Nebenwirkungen. Ihr Ziel ist es, sicherzustellen, dass Behandlungen auf soliden wissenschaftlichen Beweisen beruhen.

Interaktionen zwischen beiden Modalitäten

Die Interaktionen zwischen Legalisierung und Regulierung werden von zwei wesentlichen Dynamiken beeinflusst:
  1. Die Politik kann lenkend auf die Auswahl der Themenbereiche der Forschung wirken und die Wissenschaft in bestimmte Richtungen steuern. Häufig werden wissenschaftliche Entscheidungen und Finanzierungen von wirtschaftlichen und politischen Interessen beeinflusst. Politische Entscheidungen können auch die Verbreitung von Ergebnissen erschweren, insbesondere in umstrittenen Bereichen wie dem Klimawandel oder der Forschung zu verbotenen Substanzen. Trotzdem sollte die Wissenschaft frei bleiben für objektive und unabhängige Untersuchungen, auch wenn die Ergebnisse den politischen Zielen entgegenstehen.
  2. Die Wissenschaft kann Evidenz liefern, um eine Politik zu unterstützen oder infrage zu stellen, aber Politik kann diese Evidenz aufgrund von Voreingenommenheit, Vorurteilen oder wirtschaftlichen Überlegungen ignorieren. Eine aufgeklärte Politik könnte wissenschaftliche Daten für fundierte Entscheidungen zugunsten des öffentlichen Interesses nutzen. Trotz der Forderungen nach einer vermehrten Abstützung auf wissenschaftliche Evidenzen [1] bleibt der Prozess, diese in politische Massnahmen umzuwandeln, jedoch komplex.

Die «Underground»-Praktiken

Das Problem mit den kürzlich aufgetretenen «Underground»-Praktiken unterstreicht die Notwendigkeit, klar zwischen therapeutischer und nicht therapeutischer Nutzung zu unterscheiden. Dazu gehören rechtswidrige Therapien mit illegal beschafften psychedelischen Substanzen, die von Ärzten oder nicht autorisierten Personen durchgeführt werden. Gelegentlich wird versucht, dies als ziviler Ungehorsam einzustufen, als legitimer Ausdruck politischer Aktionen, die darauf abzielen, auf Ungerechtigkeiten aufmerksam zu machen oder sozialen Wandel einzuleiten. Einige argumentieren, dass diese «Underground»-Praktiken die Entwicklung der psychedelischen unterstützten Psychotherapie fördern könnten. Hier werden aber erneut die Logiken von therapeutischen und Freizeitanwendungen vermengt.

Die Anerkennung des Konsums von Psychedelika als Bürgerrecht bedarf eher einer Regulierung als einer Medikalisierung.

Der illegale Gebrauch von Substanzen, auch wenn er die Meinung zugunsten der Freizeit-Legalisierung beeinflussen kann, ist kein Beleg für die therapeutische Wirksamkeit. Die wissenschaftliche Prüfung ist nach wie vor entscheidend, um die Wirksamkeit eines therapeutischen Ansatzes zu bestimmen, selbst wenn sich die öffentliche Meinung möglicherweise zugunsten der Legalisierung verändert hat. Es ist unangebracht, Daten aus illegalen Praktiken zur Bewertung ihrer Wirksamkeit, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit heranzuziehen, da diese Praktiken oft nicht den grundlegenden Kriterien wissenschaftlicher Forschung entsprechen. Dadurch wird die Auslegung und Gültigkeit der Daten ernsthaft beeinträchtigt.

Die Gefahren der Vermischung

Das Angebot von Therapien durch Nicht-Fachleute wie Schamanen, Heiler und Druiden birgt Risiken für die Sicherheit der Patientinnen und Patienten, die Wirksamkeit der Behandlungen und das Ansehen des medizinischen Fachgebietes. Die strengen ethischen und regulatorischen Normen, denen Gesundheitsfachkräfte und Wissenschaftler unterliegen, gewährleisten die Integrität der Forschung und den Schutz der Rechte der Patientinnen und Patienten. Die Anwendung psychedelischer Substanzen zu therapeutischen Zwecken erfordert eine wissenschaftliche Validierung durch strenge klinische Studien. Allerdings könnte die Teilnahme von Personen ohne wissenschaftliche Ausbildung zu nicht validierten Praktiken führen, die auf persönlichen Überzeugungen basieren und die Effektivität der Behandlungen gefährden.
Auf der anderen Seite birgt die Medikalisierung des Freizeitgebrauchs von Psychedelika die Gefahr einer ärztlichen Bürokratisierung von Bürgerrechten. Die Anerkennung des Konsums von Psychedelika als Bürgerrecht bedarf eher einer Regulierung als einer Medikalisierung. Die Beschränkung des Zugangs auf den medizinischen Bereich beeinträchtigt die persönliche Freiheit der Bürger, indem sie finanzielle und administrative Hürden schafft, die einen Teil der Bevölkerung ausschliessen und zu Ungleichheiten im Zugang zu diesen Substanzen führen würden. Die medizinische Bürokratisierung würde zudem zu einer eingeschränkten Konzeptualisierung der psychedelischen Erfahrungen führen, und der Vielfalt individueller Motivationen und kulturellen Kontexte nicht Rechnung tragen.

Schlussfolgerung

Abschliessend kann festgehalten werden, dass die grundlegenden Unterschiede zwischen dem therapeutischen und nicht therapeutischen Einsatz von psychedelischen Substanzen die Diskussionen über ihre Regulierung leiten sollten. Die therapeutische Nutzung konzentriert sich auf die Behandlung von medizinischen Problemen unter ärztlicher Aufsicht, während die nicht therapeutische Nutzung eher rekreationalen oder kulturellen Zwecken dient. Es kommt zwangsläufig zu einer Auseinandersetzung zwischen Wissenschaft und Politik, wobei die Wissenschaft Fakten liefert und die Politik die Richtlinien bestimmt. Es ist essenziell, dass die Unabhängigkeit der Wissenschaft bewahrt und ihre beratende Funktion im politischen Prozess anerkannt wird.
Zusammenfassend ist eine klare Unterscheidung zwischen therapeutischem und nicht therapeutischem Gebrauch von psychedelischen Substanzen unerlässlich, um Fehler der Vergangenheit zu vermeiden. Gleichzeitig ist die ergänzende Rolle von Wissenschaft und Politik bei Entscheidungsfindungen zu berücksichtigen.
federico.seragnoli[at]hcuge.ch
1 Horton P, Brown GW. Integrating evidence, politics and society: A methodology for the science–policy interface. Palgrave Communications, 4(1); 2018. Article 1. https://doi.org/10.1057/s41599-018-0099-3

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