Medizinische Wüsten in der Romandie

Medizinische Wüsten in der Romandie

Hintergrund
Ausgabe
2024/2728
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1478116889
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(27–28):12-15

Publiziert am 17.07.2024

Versorgungszugang
In der Westschweiz verschärft sich der Mangel an Hausärzten, insbesondere in den Bergregionen. Grund dafür ist eine Pensionierungswelle bei fehlender Nachfolge. Wie lässt sich dem begegnen? Mehrere Gemeinden suchen aktiv nach Lösungen – zum Beispiel Saint-Cergue, Tavannes, Reconvilier und Evolène. Ein Einblick.
Saint-Cergue, das Tor zum Waadtländer Jura, ist nur 15 Autominuten von Nyon und den Ufern des Genfersees entfernt. Kaum vorstellbar, dass dieses dynamische Dorf mit seinen 2800 Einwohnenden, ein Winter- und Wandersportparadies, plötzlich zur medizinischen Wüste wird. Und doch − 2018 bemühte sich der letzte ansässige Allgemeinmediziner nach 37 Jahren vergeblich um eine Nachfolge. Bis er auf einen jungen belgischen Arzt traf, der sich niederlassen wollte. Dr. med. Emmanuel De Leuze berichtet: «Ich habe mein gesamtes Medizinstudium in Belgien absolviert und zwei Jahre als niedergelassener Arzt in Brüssel praktiziert. Ich liebe die Berge und war hin und weg, als ich am La Dôle spazieren ging.»

Mitarbeiter des GHOL

Sein Dossier wurde zum damaligen Zeitpunkt aus administrativen Gründen abgelehnt – gefordert waren mindestens drei Jahre Praxis und Fortbildung in der Schweiz. «Die Verantwortlichen der Gemeinde suchten verzweifelt nach einem Arzt und wandten sich an das Spital Nyon. So wurde ich eines Tages von der dortigen Direktion kontaktiert.» Der Spitalverbund der westlichen Genferseeregion (GHOL) nahm ihn als stellvertretenden Oberarzt am Spital Nyon auf. Er begann seine Tätigkeit zu 80%, weiterhin als Angestellter, jedoch im neuen Centre médical von Saint-Cergue, das infolge einer Übereinkunft zwischen der Gemeinde und dem GHOL im Januar 2023 eingeweiht wurde. Die Bilanz ist positiv. Im ersten Betriebsjahr empfing das Zentrum 903 Patientinnen und Patienten und führte 2219 Konsultationen durch. Die meisten Betreuten stammen aus der Gemeinde Saint-Cergue, aber auch aus Arzier-le-Muids und La Cure – darunter französische Patienten.

Dr. med. Emmanuel De Leuze

Praktischer Arzt am Centre médical von Saint-Cergue

Sowohl von der Gemeinde als auch vom GHOL und den Einwohnenden wurde ich bestens aufgenommen.

Erfolgsfaktoren

Für Emmanuel De Leuze war auch das Engagement seines Vorgängers beim Übergang zum Centre médical für diesen Erfolg mit ausschlaggebend. In gemeinsam mit diesem durchgeführten Konsultationen konnte er selbst die Patienten besser kennenlernen. Der Umstand, dass es im nahen Umkreis keinen Arzt gab und dass manche – insbesondere ältere, auf regelmässige Kontrollen angewiesene – Personen Schwierigkeiten hatten, in die Stadt zu kommen, trugen ebenfalls zur guten Etablierung bei. «Sowohl von der Gemeinde als auch vom GHOL und den Einwohnenden wurde ich bestens aufgenommen. Ich habe eine Assistentin, die mir eine grosse Hilfe ist. Das Centre médical ist gewissermassen als Zweigstelle des Spitals von Nyon konzipiert. Wenn ich also die Radiologie haben möchte, muss ich nur vier Ziffern wählen. Ich habe Zugang zu allen Spezialisten und zur Notfallstation und kann sie vor der Ankunft eines Patienten benachrichtigen», erklärt er. Eine weitere Genugtuung war, dass die örtlichen Behörden die Räumlichkeiten einer ehemaligen Poststelle zur Verfügung stellten und zu deren Einrichtung beitrugen. Der junge Arzt schliesst mit folgenden Empfehlungen: «Um für Hausärzte wirklich attraktiv zu sein, sollte man auf Mietlösungen und kleine Strukturen setzen. Der Arzt muss die Freiheit haben, sich selbst effizient zu organisieren. Und er muss mit den Fachärzten in der Region vernetzt werden.»

Ein Einzelfall ... vorerst

Derzeit ist das Beispiel des Centre médical kantonsweit einzigartig. Es ist das Ergebnis «echten politischen Willens» und wird «zum positiven Image und zur Attraktivität von Saint-Cergue beitragen», sagt die Gemeinderätin Valérie Legrand-Germanier, die insbesondere für das Gesundheitswesen zuständig ist. Diese neue Art der Partnerschaft zwischen Gemeinden und GHOL solle jedoch in den nächsten Jahren ausgebaut werden, sagt Etienne Caloz, der seit 2022 die Generaldirektion des Spitalverbunds der westlichen Genferseeregion leitet und zuvor Direktor des Spitalzentrums des französischsprachigen Wallis (CHVR) war. Er spricht von einem langfristigen Strategiewechsel: «Seit zwei Jahren merken wir, dass wir uns viel mehr nach aussen öffnen müssen. Zudem beabsichtigen wir, ärztliche Praxen auf dem Territorium aufzubauen, allerdings zum Zweck der Subsidiarität, wie im Fall der Gemeinde Saint-Cergue, die uns um Unterstützung gebeten hat.» Der Direktor des GHOL will dabei vorsichtig vorgehen. «Ich habe in zwei Regionen gearbeitet, in denen Ärztinnen und Ärzte mit eigener Praxis sehr auf Unabhängigkeit bedacht sind. Für niedergelassene Ärzte hat das Spital etwas Bedrohliches. Sie befürchten, dass es ihnen ins Gehege kommt. Wir bemühen uns um eine vertrauensvolle Zusammenarbeit.» Als potenzielles Ziel nennt er «Terre Sainte, eine hausärztlich unterversorgte Region ganz im Westen des Kantons Waadt», deren 20 000 Einwohnende sich auf acht Gemeinden verteilen. Und führt aus: «Unser Ansatz besteht darin, eventuelle Lücken auf Gemeindeebene zu schliessen. Es ist weder eine finanzielle Angelegenheit noch unser Kerngeschäft oder ein strategischer Schwerpunkt. Es geht darum, Patientenströme effizient zu leiten und unnötige Spitalaufenthalte zu vermeiden. Die zunehmende Inanspruchnahme der Notfallstation flaut auch deshalb nicht ab, weil viele Menschen keinen Hausarzt mehr haben. In den ersten drei Monaten 2024 hatten wir gegenüber dem Vorjahr einen Zuwachs um 17%. Das ist schon extrem.»

Etienne Caloz

Generaldirektor des Spitalverbunds der westlichen Genferseeregion

Es geht darum, Patientenströme effizient zu leiten und unnötige Spitalaufenthalte zu vermeiden.

Ein proaktives Réseau de l’Arc

Auf breiterer Front agiert im Berner Jura das Réseau de l’Arc. Entsprechend seinem Anspruch, die führende Organisation für integrierte Versorgung in der Schweiz zu sein, vereint das Réseau de l’Arc diverse Spitäler, Gesundheitszentren und andere Leistungserbringer, in Zusammenarbeit mit seinen Partnern, dem Swiss Medical Network, der Krankenversicherung Visana und dem Kanton Bern. Ein früher Meilenstein war die Eröffnung des ersten Medicentre in Moutier im Jahr 2016, gefolgt im Sommer 2018 vom Medicentre Tavannes, einem Projekt unter der Leitung des Spitals Berner Jura. Dieses befindet sich in der Dorfmitte, in den renovierten und neu gestalteten Räumlichkeiten des ehemaligen Manor-Warenhauses. Wie Dr. med. Alain Kenfak, medizinischer Direktor des Réseau de l’Arc, erwähnt, «entstand das Medicentre Tavannes in Zusammenarbeit mit der Gemeinde, die seine Einrichtung erheblich erleichtert hat, ohne jedoch als Aktionärin einzusteigen. Mit seinen sechs Hausärzten versorgt es mittlerweile die Bevölkerung von Tavannes und Umgebung, etwa 3500 Personen. Um die Tätigkeit der Ärzte zu erleichtern, wurde es schlüsselfertig konzipiert – einschliesslich sämtlicher Immobilien und Infrastruktur, medizinischem Assistenzpersonal und Rechnungsabteilung. Wir haben vor Ort ein Labor und eine Radiologie. Die Ärztinnen und Ärzte, die hier arbeiten, sind Angestellte des Réseau de l’Arc, jedoch nach einem äusserst flexiblen Modell, mit einem Gehalt und einer auf die jeweilige Tätigkeit abgestimmten Vergütung.» Die Bilanz für das Geschäftsjahr 2023 sei ausgeglichen.

Einbezug der Gemeinden

«Notfallstationen entlasten, bürgernahe Medizin gewährleisten» gehört zu den übergeordneten Zielen der Medicentres. Dr. Kenfak ergänzt: «Wir unternehmen nichts ohne die formelle Einbindung der Gemeinde, auch um den Versorgungsbedarf abzuschätzen und unseren Tätigkeitsumfang entsprechend zu organisieren. Das wird jeweils im Einzelfall analysiert. Oftmals stellen die Gemeinden die Räumlichkeiten und tragen die Kosten für Einrichtung und Betriebsstart. Einige vermieten zu Vorzugspreisen, was die Fixkosten senkt.» Zum Vergleich: Das 2022 eröffnete Medicentre in Corgémont arbeitet mit lediglich zwei Hausärzten. Und das von Courtelary, eröffnet im Januar 2024, «ging aus einer Hausarztpraxis hervor, die mangels Nachfolge mit dem Spital ins Gespräch gekommen ist». Laut der Direktion des Réseau de l’Arc sollen in den nächsten Jahren eine Zweigstelle in Court sowie weitere Medicentres in anderen Orten der Region folgen. Ganz anders dagegen funktioniert der Aussenposten Reconvilier: «Es handelt sich um eine Zweigstelle des Medicentre Tavannes, wo halbtägig Konsultationen angeboten werden für Patientinnen und Patienten, die keine Hausärzte mehr hatten und nicht mobil sind. Dazu schicken wir einen unserer Ärzte dorthin. Das erspart uns die Einrichtung einer kompletten Praxis, die entweder unterbesetzt oder nur mit übermässigen Fixkosten zu betreiben wäre.»

Dr. med. Alain Kenfak

Medizinischer Direktor des Réseau de l’Arc

Oftmals stellen die Gemeinden die Räumlichkeiten und tragen die Kosten für Einrichtung und Betriebsstart.

Bedenken

Daniel Buchser, der Bürgermeister der 2400-Seelen-Gemeinde Reconvilier, gibt jedoch zu, enttäuscht zu sein von diesem halben Tag pro Woche mit vom Medicentre Tavannes abhängigen, ausgelagerten Sprechstunden. Dies reiche nicht aus, um die beiden in Ruhestand gegangenen praktischen Ärzte vor Ort zu ersetzen. Seine Gemeinde hatte eine Hausarztpraxis in den örtlichen Verwaltungsräumen für eine einjährige Probezeit zu einem Vorzugspreis zur Verfügung gestellt. «Doch nach zweieinhalb Jahren konnten wir den Vertrag immer noch nicht umschreiben und haben mehr als 30 000 Franken Miete verloren. Es handelt sich um Räumlichkeiten, in denen problemlos zwei Hausärzte in Teilzeit praktizieren könnten», sagt der Bürgermeister.
Ein weiterer kritischer Punkt ist die Haltung des Réseau de l’Arc gegenüber privatärztlichen Niederlassungen. Alain Kenfak versichert: «Es stimmt, dass sich oftmals das Problem des möglichen unlauteren Wettbewerbs gestellt hat. Um dies zu vermeiden, fragen wir für ein Medicentre-Projekt zunächst die vor Ort niedergelassenen Ärzte, was sie davon halten. Oft konnten wir ihnen eine Mitwirkung im Sinne einer Zusammenarbeit anbieten. Wir streben weder Exklusivität an, noch intervenieren wir, wo kein Bedarf besteht.»

Dr. med. Florian Chevrier

Facharzt für Allgemeine Innere Medizin in der Praxis Val d’Hérens

Wir starten zwar ohne Patientenstamm, geniessen aber einige Vorteile.

Von Anfang an involviert

Die Walliser Gemeinde Evolène – acht Dörfer mit über 1600 ganzjährigen und vielen saisonalen Einwohnenden – suchte einen anderen Lösungsansatz gegen die medizinische Wüstenbildung. Sie wollte privatärztliche Niederlassungen fördern und diese dann in ein Haus der Gesundheit integrieren, als Nachfolge für die drei vor der Pensionierung stehenden niedergelassenen Ärzte. Der Erfolg ist zum grossen Teil der Persönlichkeit und dem Engagement des dazu kontaktierten Allgemeinarztes zu verdanken, der aus Evolène stammt und seit 2020 vor allem in der Notfallstation des Spitals Sitten tätig war. Als Dr. med. Florian Chevrier und seine Kollegin Dr. med. Anne Sarah Lavanchy sich schliesslich 2021 in Evolène niederliessen und die Praxis Val d’Hérens eröffneten, hatten sie bereits die notwendigen Kredite für Infrastruktur und Ausstattung – zwei Sprechzimmer, einen Raum für kleinere Notfälle mit EKG, ein kleines Labor und ein Röntgenzimmer – und zur Garantie der Gehälter der beiden medizinischen Praxisassistentinnen aufgenommen. «Wir starten zwar ohne Patientenstamm, geniessen aber einige Vorteile», erklärt Florian Chevrier. Derweil arbeiten beide weiterhin in der Notaufnahme des Spitals Sitten, was die Kontinuität der Versorgung und den engen Kontakt zu den regionalen Spezialisten ermöglicht. Die Gemeinde ihrerseits erleichtert ihnen die Niederlassung mit einer Vorzugsmiete, bis das Projekt verwirklicht ist, in das sie kurzfristig integriert werden. Das zukünftige Haus der Gesundheit (unter anderem mit hausärztlicher, physiologischer und zahnärztlicher Praxis) und der frühen Kindheit wurde im März 2023 per Abstimmung angenommen. Die Eröffnung soll 2026 erfolgen. Mittlerweile wurde es gut auf den Weg gebracht – vor allem dank der Tatsache, «dass zwei Allgemeinmediziner beteiligt und bereits vor Ort tätig sind», folgert die Gemeindepräsidentin Virginie Gaspoz.

Mangelnde Sichtbarkeit

Der allgemeine Mangel an Hausärzten verschärft sich in der Westschweiz und macht sich laut Zahlen des Bundesamts für Gesundheit und Studien des Gesundheitsobservatoriums vor allem im Waadtländer Jura, in den Kantonen Freiburg und Wallis sowie im Berner Jura bemerkbar. Betroffen sind in erster Linie – jedoch nicht ausschliesslich – abgelegene oder Berg-Regionen. «Im Jahr 2023 war jeder zweite praktizierende Arzt in der Schweiz 50 Jahre oder älter, jeder vierte 60 Jahre oder älter, und 40,4% der praktizierenden Ärzte stammten aus dem Ausland. Dieser Anteil nimmt stetig zu», warnt die FMH [1]. Längst ist es Usus, Headhunter einzusetzen, um den Bedarf zu sondieren und mögliche Kandidatinnen und Kandidaten für eine Praxisnachfolge zu finden. Manche Gemeinden wenden sich an Beratungsunternehmen. Für die GHOL-Direktion erklärt Etienne Caloz, seine Einrichtung habe erst vor Kurzem für die Pflege der Beziehungen zur niedergelassenen Ärzteschaft einen Seniorarzt eingestellt, der selbst eine Privatpraxis in Begnins besass. «Wir setzen somit bewusst auf eine Person, die das lokale Gefüge kennt», sagt der GHOL-Direktor.
© Damien Carnal

Kommentare

Mit der Kommentarfunktion bieten wir Raum für einen offenen und kritischen Fachaustausch. Dieser steht allen SHW Beta Abonnentinnen und Abonnenten offen. Wir publizieren Kommentare solange sie unseren Richtlinien entsprechen.