Medizinische Behandlung bei Strahlenunfällen und nuklearen Katastrophen

Schwerpunkt
Ausgabe
2024/24
DOI:
https://doi.org/10.4414/saez.2024.1490164240
Schweiz Ärzteztg. 2024;105(24):

Affiliations
a PD Dr. med., Universitätsspital Zürich, Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie, b Universitätsspital Zürich, Klinik für Medizinische Onkologie und Hämatologie, c Dr., Bundesamt für Gesundheit, Sektion Radiologische Risiken

Publiziert am 12.06.2024

Strahlenkrankheit
Strahlenunfälle und nukleare Katastrophen sind selten. Die Schweiz war in den letzten Jahren kaum betroffen. Fast vergessen sind somit die Erfahrungen im Umgang mit strahlungsbedingten Krankheiten. Aufgrund der Weltlage mit Drohungen über den Einsatz von Atomwaffen ist es wichtig, die Kenntnisse über Behandlung von strahlenverletzten Personen zu bewahren.
Seit der Drohung von Vladimir Putin, im Ukrainekrieg gar Atomwaffen einzusetzen, hat sich die Wahrnehmung der Menschen geändert.
© Yuliia Dvornikova / Dreamstime
Bis vor kurzem hat man beim Thema Strahlenunfälle und nukleare Katastrophen vor allem an Kernkraftwerkunfälle wie Three Mile Island 1979, Tschernobyl 1986 oder Fukushima 2011 gedacht. Über Strahlenunfälle, die häufig durch unsachgemässes Hantieren mit Strahlenquellen im zivilen Bereich ausgelöst werden, hört und liest man kaum etwas in den Medien. Geheimdienstaktionen, wie beispielsweise die Vergiftung des ehemaligen KGB-Agenten und späteren Dissidenten, Alexander Litwinenko im November 2006, erregten nur kurzfristig grosses mediales Interesse. Ihm wurde im Tee radioaktives Polonium (Po-210) verabreicht und er starb innerhalb von 3 Wochen an den Folgen einer akuten Strahlenkrankheit. Jahrzehnte nach dem Entsetzen über die Atombombenabwürfe in Hiroshima und Nagasaki 1945, die hunderttausende von Menschen das Leben kosteten und nach dem Ende des kalten Krieges um 1991, interessierte sich ausserhalb von militärischen Kreisen kaum jemand mehr für das vernichtende Potenzial von nuklearen Waffen.

Plötzlich ist eine längst vergessene Bedrohung wieder akut.

Russland und Hiroshima

Seit der ersten Drohung von Russlands Präsidenten, Vladimir Putin, im Herbst 2022, im Ukrainekrieg gar Atomwaffen einzusetzen, hat sich die Wahrnehmung der Menschen massiv geändert. Plötzlich ist eine längst vergessene Bedrohung wieder akut. Putin bekräftigte seine Worte seither mehrfach in den staatlichen und internationalen Medien. Zusätzlich hat der Expräsident der USA, Donald Trump im Rahmen seines Wahlkampfs um eine erneute Präsidentschaft die westliche Welt aufgewühlt. Mit seiner Bemerkung, er würde einzelne, nicht genügend zahlende Mitgliedsstaaten der NATO dem Schicksal Russlands überlassen («do whatever the hell they want», CNN 11. Februar 2024), sorgte er für Irritation. Rufe nach der atomaren Aufrüstung Europas machen sich in der internationalen Presse breit. Im Zuge der Kernkraftwerk Katastrophe in Fukushima am 11. März 2011 wurde das Bundesamt für Gesundheit (BAG) in der Strahlenschutzverordnung, Artikel 135, Absatz 5, vom 26. April 2017, verpflichtet, für den Erhalt des Wissens über die Behandlung stark bestrahlter Personen zu sorgen. Durch zusätzliche finanzielle Unterstützung des Eidgenössischen Nuklearsicherheitsinspektorats (ENSI) und der Suva wurde per 01.01.2019 am Universitätsspital Zürich eine 20% Stelle für den Erhalt dieses Wissens geschaffen. Diesen Auftrag erfüllt der Autor (U.S.) dieses Gastbeitrags seither zusammen mit Mitarbeitenden des BAG (N.M. und D.S.) und dem USZ (C. W.).
Im Rahmen dieses Mandats wird versucht, gemeinsam mit den grossen hämato-onkologischen Kliniken in der Schweiz, ein Netzwerk zur Behandlung von strahlenverletzten Personen aufzubauen. Bei Besuchen dieser Kliniken wurde von Urs Schanz jeweils ein Referat zum Thema «Strahlenunfälle und nukleare Katastrophen: Grundlagen und medizinische Behandlung», gehalten. Das Ziel war, die entsprechende Hörerschaft für das Thema zu sensibilisieren und für die Mitarbeit im nationalen Netzwerk zu gewinnen. Da die Schweizer Kernkraftwerke (Leibstadt, Beznau I ,II und Gösgen) als gut überwacht und sicher gelten, war das Interesse an einem Netzwerk zunächst entsprechend gering. Mit der ersten Atombombendrohung durch Vladimir Putin ist dieses sowohl im Gesundheitswesen wie auch in der Bevölkerung nun sprunghaft gestiegen. Es ist sinnvoll, auch einer breiten Ärzteschaft einige Aspekte der Grundlagen und medizinischen Behandlung von Strahlenopfern in Katastrophensituationen näher zu bringen. Da nicht zu erwarten ist, dass Atombomben direkt in der Schweiz, sondern schlimmsten Falls grenznah eingesetzt würden, ist kaum mit Opfern durch direkte Bestrahlung oder Hitze- und Druckwelle zu rechnen. Es kann sich jedoch ein radioaktiver Niederschlag (sogenannter Fallout) über schweizerischem Gebiet ausbreiten.

Es wird versucht, gemeinsam mit den hämato-onkologischen Kliniken in der Schweiz, ein Netzwerk zur Behandlung von Strahlenverletzten aufzubauen.

Strahlenunfalltherapie in der Schweiz

Dieser Fallout führt in der Regel nicht zu einer Strahlenkrankheit, kann aber durch Inkorporation von Radionukliden zu einer späteren Krebsentstehung beitragen. Für einige Radionuklide gibt es Antidote, die man zeitnah verabreichen sollte. Das wohl bekannteste Antidot sind die Jodtabletten, deren Einnahme bei Bedarf von den Behörden angeordnet würde. Antidote gegen andere Radionuklide sind ebenfalls bekannt. Das Knowhow über deren Anwendung ist bisher in wenigen spezialisierten Kliniken vorhanden, in Zukunft jedoch hoffentlich in allen Spitälern des aufzubauenden Behandlungsnetzwerks. Bei rein äusserlicher Bestrahlung oder in Kombination mit einer Kontamination muss ab einer Ganzkörperdosis von 2 Sievert mit dem Auftreten einer Strahlenkrankheit gerechnet werden. Diese tritt in der Regel erst mit einer Verzögerung von einigen Tagen auf, so dass genügend Zeit bleibt, sich zu informieren, ob eine Behandlung angezeigt ist. Bei Strahlendosen unter 2 Sievert ist ein ambulantes, exspektatives Vorgehen mit regelmässigen Kontrollen und Blutbildbestimmungen (vor allem Lymphozyten Zahl) gut möglich. Der klinische und hämatologische Verlauf ist massgebend für die weitere Behandlung.

Weitere Informationen

Entsprechende Informationen zur Behandlung der Strahlenkrankheit auf der REMM (Radiation Emergency Medical Management: REMM - Radiation Emergency Medical Management (hhs.gov)
Diese Internetseite lässt sich einfach und intuitiv bedienen und man gelangt zu konkreten Behandlungsanweisungen.
Für erklärende und weiterführende Informationen empfiehlt sich unsere Homepage https://strahlenunfall.ch/
Bei Interesse sind wir gerne bereit, im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen ein entsprechendes Referat zu halten. Dies könnte auch im Rahmen der obligatorischen Fortbildung im Bereich Strahlenschutz geschehen und angerechnet werden.
PD Dr. med. Urs Schanz Consultant MOH Strahlenunfall am Universitätsspital Zürich und Beauftragter vom Bundesamt für Gesundheit, Sektion Radiologische Risiken
urs.schanz[at]usz.ch

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